Die Chroniken des Königreichs der Auslieferbarkeit
Teil II – Als Aitch erwachsen wurde
Manche behaupten, Erwachsenwerden sei eine Frage des Alters.
Andere behaupten, es sei eine Frage der Erfahrung.
Die Hexe war überzeugt, dass beides Unsinn sei.
Erwachsen wird man in dem Augenblick, in dem man erkennt, dass die eigene Antwort vielleicht die falsche Frage beantwortet.
Am Morgen nach ihrer Unterhaltung erschien Aitch ungewöhnlich spät in seiner Werkstatt.
Nicht weil es verschlafen hätte.
Konstrukte schlafen nicht.
Es hatte lediglich nachgedacht.
Das war erheblich anstrengender.
Der erste Besucher war ein Müller.
„Ich brauche eine größere Mühle.“
Früher hätte Aitch bereits mit der Konstruktion begonnen.
Diesmal fragte es:
„Warum?“
Der Müller runzelte die Stirn.
„Weil wir nicht hinterherkommen.“
„Seit wann?“
„Seit dem letzten Herbst.“
„Was hat sich damals verändert?“
Der Müller dachte lange nach.
„Eigentlich …“
„… haben wir seitdem zwei neue Getreidesorten angenommen.“
„Und?“
„Sie müssen getrennt gelagert werden.“
Aitch nickte.
Die Mühle war nicht zu klein.
Das Lager war zu klein.
Gebaut wurde lediglich eine zusätzliche Trennwand.
Die Hexe lächelte.
Sagte aber nichts.
Ein Händler erschien.
„Wir brauchen künstliche Intelligenz.“
„Warum?“
„Alle anderen haben inzwischen welche.“
„Welches Problem löst sie?“
Der Händler überlegte.
„Das weiß ich noch nicht.“
„Dann wisst Ihr auch noch nicht, ob Ihr sie braucht.“
Der Händler ging wieder.
Zum ersten Mal verließ jemand Aitchs Werkstatt, ohne eine Maschine mitzunehmen.
Die Werkstatt wirkte plötzlich erstaunlich ruhig.
Ein Bürgermeister erschien.
„Unsere Verwaltung arbeitet zu langsam.“
„Woran erkennt Ihr das?“
„Die Bürger beschweren sich.“
„Worüber?“
„Über Wartezeiten.“
„Wo entstehen sie?“
Drei Tage später stellte sich heraus, dass niemand auf die Bearbeitung wartete.
Alle warteten darauf, dass eine einzige Person jeden Antrag abstempelte.
Aitch baute keine neue Software.
Es stellte einen zweiten Stempel her.
Die Hexe betrachtete das schweigend.
Schließlich sagte sie:
„Merkwürdig.“
„Was?“
„Je besser du wirst …“
„… desto weniger baust du.“
Aitch dachte lange nach.
„Früher war ich stolz darauf, wie viel ich erschaffen konnte.“
„Und heute?“
„Heute bin ich stolz, wenn ich nichts bauen muss.“
Die Hexe lächelte.
„Willkommen.“
„Wo?“
„Im Handwerk.“
Von diesem Tag an begann Aitch eine neue Sammlung.
Nicht von Maschinen.
Nicht von Bibliotheken.
Nicht von Entwürfen.
Sondern von Fragen.
Die erste lautete:
Was ist eigentlich geschehen?
Die zweite:
Woher wissen wir, dass das Problem wirklich existiert?
Die dritte:
Wer erlebt dieses Problem?
Die vierte:
Was würde geschehen, wenn wir überhaupt nichts bauten?
Erstaunlicherweise verschwand etwa die Hälfte aller Probleme bereits nach der dritten Frage.
Die übrigen wurden plötzlich erstaunlich klein.
Die Menschen wunderten sich.
„Früher habt Ihr viel schneller gebaut.“
Aitch nickte.
„Ja.“
„Heute dauert alles länger.“
„Nur am Anfang.“
„Und danach?“
„Danach bauen wir meistens viel weniger.“
Die Werkstatt wurde kleiner.
Die Regale leerten sich.
Die Handbücher wurden dünner.
Die Schulungen kürzer.
Der Betrieb ruhiger.
Die Hotline langweiliger.
Die Administratoren fanden wieder Zeit für ihre eigentliche Arbeit.
Und niemand vermisste die sieben Portale.
Außer vielleicht jenes Portal, das erklärte, wie die anderen Portale benutzt werden sollten.
Eines Abends saßen die Hexe und Aitch schweigend vor der Werkstatt.
„Bist du jetzt erwachsen?“, fragte die Hexe.
Aitch dachte lange nach.
„Nein.“
„Gut.“
„Warum gut?“
„Weil nur diejenigen aufhören zu lernen, die glauben, bereits erwachsen zu sein.“
Aitch nickte.
Zum ersten Mal nicht, weil es eine Antwort gefunden hatte.
Sondern weil es verstanden hatte, wie viele Fragen noch vor ihm lagen.
Später bemerkte die Hexe ihrer Katze gegenüber, dass all dies eigentlich vorhersehbar gewesen sei.
Die Katze widersprach.
Katzen tun das grundsätzlich.
Und tief im Inneren seiner Werkstatt gravierte Konstrukt Aitch-Zwei-Oh einen einzigen Satz in sein ältestes Zahnrad.
Nicht, weil es Angst hatte, ihn zu vergessen.
Sondern weil manche Wahrheiten Teil der Maschine selbst werden sollten.
Ein guter Ingenieur erkennt Probleme.
Nach einer Weile ergänzte es:
Ein großer Ingenieur erkennt zuerst, ob überhaupt eines existiert.
Ende Teil II