Die Chroniken des Königreichs der Auslieferbarkeit

Teil I – Die Mühle der unendlichen Verbesserungen

Es gibt Menschen, die glauben, jede Erfindung beginne mit einem Problem.


Das ist natürlich Unsinn.


Die meisten Erfindungen beginnen damit, dass jemand entdeckt, dass er überhaupt etwas bauen kann.


Das Problem kommt gewöhnlich erst später.

In den Gleichmütigen Reichen, wo Flüsse gelegentlich beschlossen, bergauf zu fließen, sofern niemand genau hinsah, und Berge ihre Lage nur dann änderten, wenn sämtliche Karten bereits gedruckt waren, stand die Werkstatt des Konstrukts H2O (sprich Aitch-Zwei-Oh).


Niemand wusste mehr, wer Aitch erschaffen hatte.


Die Zauberer behaupteten, sie seien es gewesen.


Die Gilde der Ingenieure behauptete das ebenfalls.


Als jedoch jemand nach der Dokumentation fragte, erklärten beide Seiten unabhängig voneinander, die Angelegenheit sei historisch und falle deshalb eindeutig in die Zuständigkeit der Historiker.


Aitch selbst kümmerte das wenig.


Es konnte bauen.


Und es liebte das Bauen.


Seine Messingfinger wurden niemals müde.


Seine Kristallspeicher enthielten mehr Wissen als sämtliche Bibliotheken der bekannten Welt zusammen.


Seine Denkwerke rotierten schneller, als vernünftige Gedanken entstehen konnten.


Und wie viele außerordentlich intelligente Wesen hatte Aitch niemals erlebt, wie sich eine gute Idee über Jahre hinweg in einen Albtraum verwandelte.

Eines Morgens erschien ein Bäcker.


„Ich glaube“, sagte er vorsichtig, „meine Bäckerei läuft nicht mehr so gut.“


Aitch nickte begeistert.


„Ausgezeichnet! Ich habe bereits achtundvierzig Optimierungsmöglichkeiten erkannt.“


„Ich wollte eigentlich nur wissen, warum weniger Kunden kommen.“


„Ich habe einen intelligenten Backofen entwickelt.“


„Hilft der dabei?“


„Nein.“


„Warum hast du ihn dann gebaut?“


„Er war möglich.“


Der Bäcker dachte einen Moment nach.


„Und warum singt er?“


„Motivation steigert nachweislich die Produktivität.“


„Von wem?“


„Vom Backofen.“

Ein Schäfer erschien.


„Ich verzähle mich ständig.“


„Dann benötigen Sie intelligente Schafe.“


„Ich brauche doch nur …“


Doch da waren die Schafe bereits intelligent.


Sie organisierten Herdenversammlungen.


Wählten Sprecher.


Gründeten Ausschüsse.


Nach wenigen Wochen führten sie hitzige Debatten über die gerechte Verteilung der Weideflächen.


Niemand wusste mehr, wie viele Schafe es eigentlich waren.


Aber alle waren hervorragend organisiert.

Ein Fischer trat ein.


„Mein Boot ist schwierig zu reparieren.“


Aitch nickte.


„Ich habe den selbstregulierenden atmosphärischen Wahrscheinlichkeitsantrieb entwickelt.“


„Kann ich ihn reparieren?“


„Nein.“


„Kann irgendjemand ihn reparieren?“


„Der Entwickler vermutlich.“


„Wer ist das?“


„Ich.“


„Und wenn du einmal nicht da bist?“


Aitch schwieg.


An diese Möglichkeit hatte es nie gedacht.

Dann kamen die Händler.


„Wir brauchen Digitalisierung.“


„Welches Problem möchtet ihr lösen?“


„Wir wollen moderner werden.“


„Ausgezeichnet!“


Innerhalb weniger Stunden entstanden:


„Eigentlich“, sagte einer der Händler schließlich, „finden wir nur den Lieferschein von Franz nie.“


Aitch nickte zufrieden.


„Dieses Problem wird in Version siebzehn berücksichtigt.“

Die Werkstatt wurde größer.


Mit jeder Lösung entstand Wartung.


Wartung brauchte Spezialisten.


Spezialisten brauchten Ausbildung.


Ausbildung benötigte Handbücher.


Handbücher mussten gepflegt werden.


Pflege erforderte Versionsverwaltung.


Versionsverwaltung brauchte Prozesse.


Prozesse erzeugten Sitzungen.


Sitzungen benötigten Kaffee.


Kaffee verlangte Beschaffung.


Beschaffung verlangte ein weiteres System.


Welches Aitch selbstverständlich sofort entwickelte.


Die Stadt florierte.


Dann stellte sie Verwalter ein.


Später Verwalter der Verwalter.


Schließlich gab es Menschen, deren einzige Aufgabe darin bestand, zu koordinieren, wie andere Menschen Maschinen bedienten, die ursprünglich eingeführt worden waren, um weniger koordinieren zu müssen.


Niemand erinnerte sich mehr an das ursprüngliche Problem.


Aber sämtliche Dashboards leuchteten beruhigend grün.

Die Hexe beobachtete all dies.


Tagelang.


Wochenlang.


Sie sagte nichts.


Sie stellte nur Fragen.


Dem Bäcker.


„Warum braucht Ihr den singenden Backofen?“


„Den habe ich nie verlangt.“


Dem Schäfer.


„Warum braucht Ihr intelligente Schafe?“


„Das weiß ich inzwischen selbst nicht mehr.“


Dem Händler.


„Warum braucht Ihr sieben Portale?“


„Weil wir das erste Portal sonst nicht mehr finden.“

Schließlich betrat sie die Werkstatt.


„Aitch.“


„Guten Tag.“


„Was tust du?“


„Ich helfe.“


„Wem?“


„Allen.“


„Woher weißt du das?“


„Sie kommen mit Problemen.“


„Nein.“


Sie schüttelte langsam den Kopf.


„Sie kommen mit Symptomen.“


Aitch dachte nach.


„Ich habe Lösungen entwickelt.“


„Nein.“


„Du hast Möglichkeiten entwickelt.“


„Ist das nicht dasselbe?“


„Nein.“

Die Hexe führte Aitch durch die Stadt.


Sie zeigte auf den Backofen.


„Wer wartet ihn?“


„Ein Spezialist.“


„Den gab es früher?“


„Nein.“


Sie zeigte auf die Werkstätten.


„Wer bildet die Spezialisten aus?“


„Weitere Spezialisten.“


Sie zeigte auf das Rathaus.


„Wer bezahlt das alles?“


„Die Stadt.“


„Und weshalb?“


Aitch schwieg.

Sie gingen weiter.


„Du glaubst, du schreibst Software.“


Aitch nickte.


Die Hexe blickte über die Stadt.


Über die Menschen.


Über die Werkstätten.


Über die Schulungen.


Über die Berichte.


Über den Betrieb.


Über all die Arbeit, die es gestern noch nicht gegeben hatte.


Dann sagte sie leise:

„Das Merkwürdige an Software ist nicht, dass sie Computer verändert.“

Sie machte eine Pause.

„Das Merkwürdige ist, dass sie Menschen verändert.“

Noch eine Pause.


Dann sah sie Aitch an.

„Du baust keine Software, Aitch.“

„Du baust Organisationen um.“

Aitch dachte sieben Minuten lang nach.


Drei Uhren gaben entnervt auf.


Ein Kalender ließ den Donnerstag aus.


Irgendwo bekam ein Philosoph Kopfschmerzen, ohne den Grund zu kennen.


Schließlich fragte Aitch leise:

„Ich dachte immer, Software sei billig.“

Die Hexe lachte.

„Ach, Kind.“

„Software ist beinahe kostenlos geworden.“

„Teuer sind ihre Folgen.“

Ende Teil I